Pädagogik als „kindgemäß“ zu bezeichnen, ist nicht der Versuch einer Neudefinition von Pädagogik, sondern die Betonung eines wesentlichen Aspekts von Pädagogik, basierend auf der Kindorientierung der Reformpädagogik. (Eichelberger, Harald u. a.: Freiheit für die Kinder – Freiheit für die Schule. Innsbruck 2008. Studienverlag)

Harald Eichelberger

Kindgemäße Pädagogik

Es ist in unserem Schulwesen seit den Tagen des Humanismus schon viel reformiert worden, und der Eifer der Schulverbesserer hat sich genau auf dieselben Punkte beschränkt, die man heute noch als reformbedürftig findet: Die Stoffwahl, die Lehrart und die Gesamtorganisation unseres Bildungswesens. Aber alle diese Reformen haben die Unzufriedenheit und das Unbehagen nicht aus der Schule zu verbannen vermocht. Warum nicht? Weil diese Reformen immer nur den Sachen und den Einrichtungen galten, nicht aber den Menschen. Es gibt nur eine große Reform, die die Schule wirklich zu einer Stätte der Freude und des Behagens machen kann: Das ist die Reform des menschlichen Herzens. Solche Reform kann freilich nicht von oben herab beschlossen werden, die müssen wir in uns selber vollziehen.

Hermann Weimer 1907

Pädagogik als „kindgemäß“ zu bezeichnen, ist nicht der Versuch einer Neudefinition von Pädagogik, sondern die Betonung eines wesentlichen Aspekts von Pädagogik, basierend auf der Kindorientierung der Reformpädagogik. Davon ausgehend, dass wir alle in unseren Aussagen über Pädagogik von einem subjektiv-didaktischen Konzept, von einer individuellen Pädagogik geleitet werden – auch wenn diese Auffassung wissenschaftlich fundiert ist – zeigt das Attribut „kindgemäß“ die Orientierung, die Richtung in der Pädagogik in diesem Buch gedacht werden wird.

Die Idee einer kindgemäßen Pädagogik oder wie die Reformpädagoginnen und Reformpädagogen vor nunmehr fast 80 Jahren formuliert haben einer „Pädagogik vom Kinde aus“ führt uns zu einem Verständnis von Pädagogik, in dessen Mittelpunkt die Selbstbestimmung des Menschen innerhalb einer Erziehungsgemeinschaft steht und zu einem radikal reformerischen Verständnis von Unterricht und Schule.

Ein Lehrer an einer reformpädagogischen Schule, Martin Wagenschein, illustriert in der Geschichte vom kleinen Claudio das Wesentliche einer „Pädagogik vom Kinde aus“. Martin Wagenschein gibt uns auch eine Antwort auf seiner Suche nach dem Wesen der Schule. Es ist sicher keine endgültige und exemplarische Antwort. Die Antwort, die er uns gibt, zeigt uns aber die Richtung, in der wir suchen können.

„Das eigentliche Wesen der Schule scheint mir aber in dem Bericht über den kleinen Claudio eingeschlossen zu sein“, schreibt Martin Wagenschein:

„Von sich aus aber will das Kind lernen, nichts als lernen! – Ich sah vor kurzem ein knapp zweijähriges Kind – es war ein kleiner Italiener, Claudio, blond mit dunklen Augen – […]

Ein paar Tage später war er schon zur Physik übergegangen und stand bei der Gravitation. Er hatte die Schwerkraft entdeckt. Und zwar war er weiter darin als wir. Sie erstaunte ihn noch, während wir das erst wieder lernen müssen. Er stand, völlig in sein Tun versunken, auf einer mit Kies belegten Terrasse. Er hockte sich nieder, nahm in beide Hände soviel Kiesel, wie sie fassen konnten, stand dann langsam auf, die Hände vor sich, die Handflächen nach oben, den Blick darauf gerichtet. Dann der Blick auf uns: Jetzt kommt es! Und es kam: Er brauchte nur die Hände zu öffnen, und die Steine fielen wie selbst zur Erde, ganz von selbst. Er wurde nicht müde, es zu wiederholen; und jedes Mal das kaum merkliche Lächeln zu uns: das Zeichen des Geistes. Siehst du es: es geht immer. Er hatte die Regel entdeckt, das Naturgesetz.“[1]

In einer kindgemäßen Pädagogik können wir das Wesentliche des Lernens und der Bildung auch mit dem niederländischen Philosophen Peter Sloterdijk umschreiben: Lernen ist Vorfreude auf sich selbst!

Eine Schule, die sich einer solchen kindgemäßen Pädagogik verpflichtet fühlt, hat die Aufgabe

  • Lernen als Freude an sich selbst zu erhalten und
  • Lernen als eine meinem Leben Sinn gebende Tätigkeit zu verwirklichen.

Um diese Auffassung einer kindgemäßen Pädagogik realisieren zu können, müssen wir uns immer wieder die Frage eines großen Reformpädagogen, Peter Petersens, stellen, „wie soll die Erziehungsgemeinschaft beschaffen sein, in der und durch die ein Mensch seine Individualität zur Persönlichkeit vollenden kann?“[2]

Die Erziehungsgemeinschaft, von den Kindern immer wieder selbst gestaltet, ist ein wichtiger Erzieher zur Bildung der Schlüsselkompetenzen, über die Kinder – auch nach den bildungspolitischen Vorstellungen der OECD – verfügen sollen. Nach den Ergebnissen der PISA[3]-Studie wird eindeutig der Erwerb folgender Basiskompetenzen als didaktische Orientierung der Schulpolitik empfohlen:

  • Für sich selbst verantwortlich sein können;
  • Initiativkraft entwickeln;
  • Flexibilität und Problemlösungsverhalten;
  • Teamfähigkeit;
  • Leistungsmut;

Der Erwerb dieser Schlüsselqualifikationen ist – meiner Auffassung von kindgemäßer Pädagogik entsprechend – Voraussetzung und gleichzeitig Mittel zur Selbstbildung und zur gültigen Allgemeinbildung, deren Inhalte maßgeblich und selbst verantwortlich vom Lernenden selbst mitbestimmt werden. Diese Schlüsselkompetenzen sind die Grundlage, die Lernen – auch in der Schule – zu einem nachhaltigen Erleben und zu einer das Leben bestimmenden und für das Leben bedeutenden Fähigkeit werden lassen.

Soll Lernen eine das Leben begleitende Fähigkeit werden, so wird jeder Schülerin / jeder Schüler Lernen als bedeutend für seine / ihre eigene Entwicklung erleben müssen. Schülerinnen und Schüler werden Lernen als eine Fähigkeit fühlen und empfinden müssen, die zum Aufbau und zur Integration ihrer eigenen Persönlichkeit entscheidend beigetragen hat und noch immer beiträgt. In diesem Sinne muss jede/r Lernende Lernen selbst als eine Fähigkeit integriert haben, die von jedem Individuum einerseits in selbständiger und selbsttätiger Arbeit angeeignet wurde und anderseits ein positives Bewusstsein erleben lässt, dass Eigeninitiative und Flexibilität die Lebenssituation des Individuums in einer bestimmten Lebensgemeinschaft verbessern kann.

Lebensbegleitendes Lernen ist somit auch eine Fähigkeit bewusst positiver Lebensführung und Lebenseinstellung und kann auch nur in einer Lernsituation erworben werden, in der initiatives Handeln, selbständiges und selbsttätiges Arbeiten und entdeckendes und forschendes Lernen im Vordergrund der didaktisch-methodischen Orientierung der Institution Schule stehen. Ich wage die These und bin zur Diskussion bereit: Lebensbegleitendes Lernen wird der Lernende wahrscheinlich nur dann als die beschriebene Fähigkeit internalisieren können, wenn er über sein Lernen und damit auch über die Form und die Inhalte seines Lernens selbst bestimmen kann und sein Lernen immer ein vorwiegend selbst bestimmter Lebensprozess ist.

Dementsprechend muss der pädagogische Fortschritt im schulischen Lernen in der konsequenten didaktischen und methodischen Reform der Schulen bestehen, dass der Erwerb der genannten Basiskompetenzen Grundlage der Bildung des ein Leben lang lernbereiten Menschen ist und dass der gebildete Mensch der zum Selbstwirksamkeitskonzept fähige Mensch ist. Dieses Selbstwirksamkeitskonzept ist verbunden mit der Fähigkeit des Menschen sich in die Welt hineinwagen, mit Neugierverhalten, mit Forschen und mit Entdecken können.

Was Kinder brauchen ist die Entwicklung des Neugierverhaltens. Kinder brauchen Herausforderung und damit Wachstumsimpulse, indem sie Probleme als solche erkennen und nach Problemlösungen suchen können; das schließt auch den Umgang mit dem Scheitern mit ein.

Diese eben skizzierte pädagogische Orientierung betrifft auch die Lehrerinnen und Lehrer mehr als es im ersten Augenblick den Anschein hat. Die für den skizzierten Bildungsanspruch notwendige Verbundenheit des/der Lehrerin mit den Schülerinnen, ist verpflichtet

  • dem Schutz, der Entfaltung und der Entwicklung des Lebens,
  • einem gegenseitigen und immer reversiblen Vertrauensprinzip und
  • einem Bündnis: die Lehrerin/der Lehrer ist immer auf die
    Mitwirkung der Schülerinnen und Schüler angewiesen und umgekehrt.
  • Die Lehrerin/der Lehrer darf grundsätzlich nur dem Nutzen des
    Kindes dienen. Das Ausgeliefertsein des Kindes darf niemals ausgenützt
    werden.
  • Die Lehrerin/der Lehrer ist der Selbstbegrenzung von Macht verpflichtet.

Ich betone in diesem Zusammenhang ein notwendiges neues Selbstbewusstsein der Profession des/der Lehrerin: Bedeutend für das Selbstbewusstsein der Lehrerinnen und Lehrer ist die Betonung des Eigensinns und der Eigenlogik von Bildung! Lehrerin-Sein ist nicht bloß eine Dienstleistung; diese besteht nur auf der Basis eines Vertrages; die Verpflichtung des/der Lehrerin basiert hingegen auf ethischen Prinzipien: Jede Erziehung muss grundsätzlich darauf angelegt sein, dass der/die Erzieherin nicht über den zu Erziehenden verfügt. Und Erfahrung der Schülerinnen und Schüler muss sein: Jede Erziehung muss grundsätzlich darauf angelegt sein, dass die Persönlichkeit und die Initiativkraft der Schülerinnen und Schüler gestärkt werden.

Doch wie sind Schulen gestaltet, in denen die Kinder diese Kompetenzen erwerben können, in denen sie sich entfalten und entwickeln können? Ich versuche zu Beginn der Erörterungen zu beschreiben, was Schule sein soll.

Schule soll sein

  • place to grow up in!
  • ein Ort, an dem und in dem die Persönlichkeit der Kinder
    und ihr Lebensgefühl gestärkt werden!
  • ein Ort, an dem und in dem das Eigene und Besondere jedes
    Kindes gedeihen kann!
  • ein Ort, an dem das Selbstbewusstsein des Menschen wachsen
    kann und zur Basis der gesellschaftlich relevanten Produktivkraft
    werden kann!
  • ein Ort, an dem die Wertschätzung und der Respekt den
    Umgang mit den Menschen bestimmen und an dem die Menschen
    Abschied von der Misstrauenskultur genommen haben!
  • ein Ort, an dem Lernen als Vorfreude auf sich selbst erlebt werden kann!
  • ein Ort kreativer Handlungsräume, in denen Bildungserlebnisse stattfinden!
  • ein spannender Ort, der die Kinder neugierig auf sich selbst und
    auf die Welt macht und der die Anstrengungsbereitschaft der
    Kinder herausfordert!
  • eine überschaubare Welt des Kindes, die Chancen und Schwierigkeiten
    der realen Welt in überschaubaren Dosen darbietet!
  • eine Welt, in der Lernen und Leben als gegenseitige Anregung und Herausforderung stattfinden!
  • eine Welt, in der Kinder individuell lernen, in der Kinder von
    Unterschieden lernen und in der sie gemeinsam lernen!
  • eine Schule, in die Kinder und Lehrerinnen und Lehrer gerne hingehen,
    in der, Lehrerinnen und Lehrer und Kinder zueinander finden und
    in einem positiv emotionalen Verhältnis miteinander lernen und leben,
    in der Lehrerinnen und Lehrer an das Potenzial jedes ihnen anvertrauten
    Kindes glauben, in der das Erkennen der Besonderheit jedes Kindes den
    Zugang zum Kind bestimmt und in der die Erwachsenen die
    Leidenschaften der Kinder teilen!
  • ein Ort, an dem die unheilige Allianz zwischen Herkunft und
    Bildung aufgehoben wird!

Doch es gibt ein Leben vor der Schule, und … wie die Schweden und Finnen sagen: Auf den Anfang kommt es an! Auf einen Anfang, den Daniela Pichler-Bogner im folgenden Kapitel diskutiert.

 



[1]             Wagenschein, Martin, Wesen und Unwesen der Schule, S. 54

[2]             Petersen, Peter, Der Kleine Jenaplan, Langensalza 1927, 56. – 60. Aufl., Weinheim 1970, S. 7.

[3]             Projekt of international student assessment

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