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Symposium 2014 – Pädagogische Hochschule Vorarlberg – Feldkirch

Mein selbst gewähltes Thema versteckt ein kleines Dilemma. Das Thema das Referates beinhaltet zwei Schlüsselbegriffe: „reformpädagogische Modelle“ und „aktuelle Schulreform“. Über reformpädagogische Modelle wird sicherlich schon ausführlich referiert werden. Daher werde ich mich entscheiden, den Schwerpunkt meines Referates auf den zweiten Schlüsselbegriff zu verlegen: die aktuelle Schulreform. Sie werden sich nun vielleicht fragen: „Welche aktuelle Schulreform?“ Da ich darauf mangels einer aktuellen Schulreform in Österreich leider keine Antwort weiß, möchte ich ihnen vorschlagen, dass ich ihnen eine Skizze bieten darf, wie eine aktuelle Schulreform in Österreich aussehen könnte, die auf den didaktischen Werten einiger reformpädagogischer Modelle beruht.

Beiträge reformpädagogischer Modelle zur aktuellen Schulreform

Harald Eichelberger
www.eichelberger.at
Symposium 2014
Pädagogische Hochschule Vorarlberg

Mein selbst gewähltes Thema versteckt ein kleines Dilemma. Das Thema das Referates beinhaltet zwei Schlüsselbegriffe: „reformpädagogische Modelle“ und „aktuelle Schulreform“. Über reformpädagogische Modelle wird sicherlich schon ausführlich referiert werden. Daher werde ich mich entscheiden, den Schwerpunkt meines Referates auf den zweiten Schlüsselbegriff zu verlegen: die aktuelle Schulreform. Sie werden sich nun vielleicht fragen: „Welche aktuelle Schulreform?“ Da ich darauf mangels einer aktuellen Schulreform in Österreich leider keine Antwort weiß, möchte ich ihnen vorschlagen, dass ich ihnen eine Skizze bieten darf, wie eine aktuelle Schulreform in Österreich aussehen könnte, die auf den didaktischen Werten einiger reformpädagogischer Modelle beruht.

Es sind dies die folgenden Modelle:

  • Montessori-Pädagogik (Maria Montessori)
  • Jenaplan-Pädagogik (Peter Petersen)
  • Freinet-Pädagogik (Célestin Freinet)
  • Daltonplan-Pädagogik (Helen Parkhurst)

Um Authentizität bemüht, lade ich sie ein, mit mir gemeinsam einen kleinen Ausflug in die „reformpädagogische“ Vergangenheit zu unternehmen. Wir reisen in die Zeit der Hochblüte der Reformpädagogik, und ich habe ihnen aus dieser Zeit einige Bilder mitgebracht, mit denen ich gerne die Basis illustrieren möchte, auf der wir unsere Skizze dann weiterzeichnen werden.

Abb. 1 – Maria Montessori – verm. 1924 – bei dem Besuch ihrer „scuola modella“ in Wien

Maria Montessori besuchte anfangs der Zwanzigerjahre die Schule, bzw. das Kinderhaus in Wien 10., in der Troststraße, ein Kinderhaus in einem Armenviertel in Wien, nicht unähnlich dem Mailänder Armenviertel San Lorenzo, in dem Maria Montessori ihre Pädagogik mit den Kindern entwickelte. Maria Montessori nannte dieses Kinderhaus eine „scuola modella“. Das Kinderhaus in Wien wurde von einer Gruppe junger jüdischer Frauen um Lili Roubiczeck und Emma Plank aufgebaut und immer weiterentwickelt.[1] Ihre Arbeit ist einigermaßen gut dokumentiert. Diese reformpädagogische Unterrichtsentwicklung fand in einer schulpolitisch akzeptierenden Umgebung statt, die heute nur mehr schwer vorstellbar ist. 1931 übersiedelte diese Schule in ein gemäß der Montessori-Pädagogik erbautes Schulgebäude in den 1. Bezirk an den Rudolfplatz. Entworfen wurde diese Schule von Lili Roubiczeck gemeinsam mit dem Architekten Franz Schuster, und unterstützt wurde dieses Projekt wohlwollend von Stadtschulrat für Wien unter Otto Glöckel. Wien trug damals den Ehrentitel „Hauptstadt des Kindes in Europa“, verliehen vom Schweizer Reformpädagogen Adolphe Ferrière.

Abb. 2 – Kinderhaus Wien 10., Troststraße: Konzentrierte, selbst bestimmte Arbeit

Wenn wir einen verstehenden Blick auf dieses Bild werfen, so können wir vor allem eines erkennen: diese Kinder lernen, sie arbeiten an sich selbst und sie arbeiten an ihrer eigenen Entwicklung, an der Entwicklung ihrer Persönlichkeit. Halten wir bitte diesen Gedanken fest. Er wird wichtig, wenn wir über die Anregungen zu einer möglichen aktuellen Schulreform sprechen.

Doch nicht nur die konzentrierte, selbst bestimmte Arbeit der Kinder mit den von ihr entwickelten Entwicklungsmaterialien ist der Inhalt der Pädagogik Maria Montessoris. Zur Zeit ihres Besuches in Wien publizierte Maria Montessori eine Abhandlung zum Begriff der „Selbsterziehung“.

Abb. 3 – Montessori, Maria: Die Selbsterziehung des Kindes[2]

Der Begriff der „Selbsterziehung“ zeigt uns das radikale Umdenken dieser großen Reformpädagogin. Sie sieht ihre pädagogische Aufgabe darin, den Kindern in einer „Vorbereiteten Umgebung“ die Gelegenheit zur Selbsterziehung zu geben, zur Selbstentfaltung und zur selbst bestimmten Entwicklung. In diesem Sinne ist auch der berühmt gewordene Ausspruch eines „ihrer“ Kinder zu verstehen: „Hilf mir, es selbst zu tun!“ Wir müssen aber auch den Kontext hinzufügen, in den Maria Montessori diesen Spruch gestellt hat, wenn wir ihre Pädagogik konsequent verstehen wollen: „Hilf mir, es selbst zu tun, die Persönlichkeit zu werden, die ich bin!“

Im Sinne einer Zusammenschau reformpädagogischer Modelle erlaube ich mir den Gedanken Maria Montessori zur „Selbsterziehung“ mit einem Zitat Peter Petersens zu ergänzen. Er stellt in seinem berühmt gewordenen Zitat eine das Wesentliche – auch aktuelle Pädagogik – berührende Frage:

„Wie soll die Erziehungsgemeinschaft beschaffen sein, in der und durch die ein Mensch seine Individualität zur Persönlichkeit vollenden kann?“[3]

Sehr geehrte Damen und sehr geehrte Herren, um eine Antwort auf diese Frage müssen sich alle Pädagoginnen und Pädagogen täglich bemühen, denen es ein Anliegen ist, dass die ihnen anvertrauten Kinder, sich zu der ihnen innewohnenden Persönlichkeit entwickeln können. Von der Antwort auf diese Frage nach der Beschaffenheit der Erziehungsgemeinschaft wird die Richtung möglicher Schulreformen bestimmt. Befürworten sie beispielsweise eine inklusive Erziehungsgemeinschaft, so haben sie eigentlich auch schon die Antwort auf die Frage „Gesamtschule – ja oder nein?“ vorweggenommen. Die Gesamtschule ist eine Schule der Vielfalt, eine Schule der Vielfalt des Lebens. Für diese Schule brauchen wir eine Pädagogik der selbst bestimmten Persönlichkeitsbildung.

Ein Blick auf die bildungspolitischen Vorstellungen der OECD zeigt uns, dass auch im europäischen Kontext als didaktische Orientierung für eine moderne Schulpolitik nicht der Erwerb von Wissen, sondern die Bildung persönlichkeitsfördernder Basiskompetenzen empfohlen wird:

  • Für sich selbst verantwortlich sein können;
  • Initiativkraft entwickeln;
  • Flexibilität und Problemlösungsverhalten;
  • Teamfähigkeit;
  • Leistungsmut;

Der Erwerb dieser Schlüsselqualifikationen ist Voraussetzung und gleichzeitig Mittel zur Selbstbildung und zur Allgemeinbildung, deren Inhalte maßgeblich und selbst verantwortlich vom Lernenden selbst mitbestimmt werden. Diese Schlüsselkompetenzen sind die Grundlage, die Lernen – auch in der Schule – zu einem nachhaltigen Erleben und zu einer das Leben bestimmenden und für das Leben bedeutenden Fähigkeit werden lassen. Das Wesentliche des Lernens und der Bildung hat der niederländische Philosophen Peter Sloterdijk umschrieben: Lernen ist Vorfreude auf sich selbst!

Eine Schule, die sich einer solchen kindgemäßen Pädagogik verpflichtet fühlt, hat die Aufgabe

  • Lernen als Freude an sich selbst zu erhalten und
  • Lernen als eine meinem Leben Sinn gebende Tätigkeit zu verwirklichen.

Doch: Wie sieht diese Schule aus, in der „ich … meine Persönlichkeit bilden kann?“

Ich möchte zur vorläufigen Beantwortung dieser Frage von einem Beispiel ausgehen. Zu diesem Zweck führe ich sie in eine Grundschule.

Zeitlich flexibler Schuleintritt

Gruppe der 3 (4)-6 Jährigen           Gruppe der 3(4)-6 Jährigen

Schleusengruppe oder Vorschulgruppe

Gruppe der 6-9 Jährigen — Gruppe der 6-9 Jährigen — Gruppe der 6-9 Jährigen

Gruppe der 9-12 Jährigen — Gruppe der 9-12 Jährigen — Gruppe der 9-12 Jährigen

Weiter führende Schule

Wie sie sehen können, ist die Entwicklung und Gestaltung einer Schule nach reformpädagogischen Erziehungsideen ein schöpferischer und kreativer Akt, bei dem wir vornehmlich unserem Ziel der selbstbestimmten Persönlichkeitsbildung verpflichtet sind. Dieser schöpferische und kreative Akt muss von den an der Schule direkt beteiligten Menschen vollzogen werden: den Lehrerinnen und Lehrern, den Eltern und den Kindern.

Lehrerinnen und Lehrer sind in unserer Gesellschaft die einzige pädagogisch professionalisierte Gruppe, die über das Wissen und Können verfügt, ihre eigene Schule schulautonom zu gestalten und diese Schulentwicklung und Schulgestaltung in Kooperation mit den Eltern und Kindern zu vollziehen. Peter Petersen will eine Schulgemeinde bilden, eine Gemeinschaft bestehend aus Erziehern, Eltern und Schülern. Diese drei Personengruppen wirken an der Erziehung des Kindes zusammen.

Für die Schuleintrittsphase ist die Schulgemeinde in unserem Beispiel von der Idee des Kinderhauses nach Maria Montessori ausgegangen. Dieser Idee des Kinderhauses folgend sind Kindergarten und Schule unter einem Dach vereint, und die Kinder haben die Möglichkeit, die Gruppen gemäß ihrem Entwicklungsstand zu wechseln.

Die Gruppen sind altersheterogen strukturiert und umfassen in der Regel drei Jahrgänge. Sowohl Maria Montessori wie auch Peter Petersen nennen diese Altersstrukturierung eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen selbsttätigen und selbst bestimmten Lernens und Lebens in der Schule. Damit sind die Jahrgangsklasse und das „Sitzenbleiberelend“ (Peter Petersen) abgeschafft. Das Entwicklungstempo der Kinder kann seine entsprechende Berücksichtigung finden.

An Stelle des „Fetzenstundenplans“ (Peter Petersen) treten eine rhythmisierter Tagesablauf und ein ebenso rhythmisierter Wochenarbeitsplan, der den Lernbedürfnissen der Kinder entspricht.

In einer kurzen Zwischenbilanz können wir nun vermerken, dass wir in unserem kleinen Beispiel drei wichtige Schritte zu einer aktuellen Schulreform getan haben: Wir haben die Reform der Schule in die Verantwortung der direkt Beteiligten gegeben, wir haben die Gruppierungsform in der Schule und den Lernrhythmus reformiert. Meiner Erfahrung nach, die ich auch als Schulentwickler sammeln konnte, sind diese Schritte wesentliche Voraussetzungen, dass – wie ich schon angedeutet habe – Kinder in der Schule lernen und an sich arbeiten können, anstatt unterrichtet zu werden. Wir tappen noch viel zu oft in unserem didaktischen Denken in die so genannte Lehr-Lern-Falle, indem wir annehmen, dass das, was wir unterrichten auch gelernt wird. Dem ist oft aber nicht so…

Wir sieht die dazu notwendige Lernumgebung aus?

Abb. 4 – Vorbereitete Umgebung

Abb. 5 – Vorbereitete Umgebung – Arbeit am Pasqualschen Dreieck

Mit welchen Ideen und Einrichtungen welcher reformpädagogischer Modelle werden wir uns identifizieren können? Sind sie vielleicht überzeugt von der didaktischen Kraft und methodischen Eleganz der didaktischen Materialien Maria Montessoris? Ich bin überzeugt, von der inhaltlichen Klarheit, der didaktischen Richtigkeit und der Bildungskraft der Arbeit mit diesen Materialien und den Kindern. Aber das geht nicht allen Menschen so. Oder möchten sie für ihre Schülerinnen und Schüler eher Ateliers einrichten und sich an der Freinet-Pädagogik orientieren? Oder bevorzugen sie das Lernen in Bibliotheken oder Dokumentationszentren, um nur einige Möglichkeiten anzuführen? Verbsäumen sie es aber bitte nicht, die Modelle der Reformpädagogik intensiv zu studieren und dann ihr eigenes didaktisches Konzept zu entwickeln und immer wieder zu reflektieren.

Helen Parkhurst vertritt die These, dass die traditionelle Pädagogik den Lernprozess des Schülers ausschließlich aus der Perspektive des Lehrenden, „durch das falsche Ende des Fernrohrs“ („through the wrong end of the telescope“)[4] betrachtet. Ihrem Bildungsverständnis nach zu urteilen muss jeglicher Lernfortschritt aus der Eigenaktivität des Lernenden entspringen. Dieser Punkt bereitet unter Umständen manchen Pädagoginnen und manchen Pädagogen in ihren Vorstellungen Schwierigkeiten. Ist es doch nicht leicht, die Eigenaktivität des Lernenden zum Prinzip zu erheben und doch die pädagogische Steuerung des Unterrichtes nicht außer Acht zu lassen. Hier ergibt sich vor allem für die Lehrer ein überaus spannender Lernprozess. Helen Parkhurst individualisiert den Lernprozess der Kinder mit Hilfe von Lernaufgaben, so genannten assignments. Sie betrachtet „ihre“ Dalton-Schule als „children’s university. Die assignments oder Pensen berücksichtigen den Lernfortschritt und die Eigeninitiative der Lernenden.

„Das Grundprinzip besteht also darin, die (traditionellen) Lehrstrategien in eine Didaktik der Aneignungsstrategien zu übersetzen.“ [5]

Abb. 6 – Schülerin der Sek-I beim Aussuchen ihres Wochenpensums

Das bedeutet für unsere Diskussion nach Vorstellungen für eine aktuelle Schulreform, dass reformpädagogische Schulen bzw. reformpädagogischer Unterricht sich auf die Frage der Gestaltung des individuellen Lernprozesses in einer für diesen Lernprozess optimalen Lernumgebung konzentrieren.

An dieser Stelle möchte ich sie darauf aufmerksam machen, dass die österreichische Schulpolitik mit der Frage „Gesamtschule ja oder nein?“ lediglich eine ideologische Scheinfrage diskutiert. Eine (reform)pädagogische Schule geht von der Prämisse aus, jeder Schülerin, jedem Schüler zu helfen, seine Begabungen zu aktualisieren und seiner Individualität und seiner Persönlichkeit gerecht zu werden.

In der Entwicklung einer Schule muss es allen Beteiligten ein Anliegen sein, zu den pädagogischen Prinzipien der Selbstbestimmung, der Selbstbildung und der Selbsttätigkeit eine Struktur des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens zu finden, die nicht im Widerspruch zu den genannten Prinzipien steht. Daher gehen wir bei unseren Vorstellungen von einer aktuellen Schulreform davon aus, dass Schule die Aufgabe hat, demokratisches Leben erleben zu lassen, mit allen Schwierigkeiten, Problemen, aber auch als übergeordneten Wert der Bildung. Wichtigstes demokratisches Forum der Schule ist die so genannte Schulkonferenz. In der Schulkonferenz sind alle Lehrerinnen und Lehrer vertreten, die jeweilige, auf Zeit bestellt Vertretung der Schule – wir nennen diese Vertretung absichtlich nicht Schulleitung –, die Schülervertreter und die Elternvertreter. Für weitere Anregungen zur Frage der Demokratieerziehung werden wir dann bei Cèlestin Freinet nachschlagen.

Kurz vor dem Ende meines Referates möchte ich sie noch darauf aufmerksam machen, dass wir en passant auch die anscheinend und unveränderbare Jahrgangseinteilung der hierarchischen

Ordnung der Schularten ins Wanken gebracht haben. In meinem Beispiel haben wir den Eintritt der Kinder in die Grundschule vorverlegt. Wir haben die Grundschule verlängert. Wir haben die SEK-I zu einer echten Mittelschule und Gesamtschule gemacht. Nun sollten wir auch noch die SEK-II-Stufe – wie beispielsweise die Pisa-erfolgreichen Länder – als eine Schule mit größtmöglicher horizontaler und vertikaler Durchlässigkeit und Flexibilität diskutieren, die ebenso vom Jahrgangssystem Abstand nimmt und in Modulen und Kursen eine neue Organisationsform findet.

Noch viel mehr Anregungen finden sie auf der folgenden Web-siten

www.eichelberger.at

http://www.blikk.it/angebote/reformpaedagogik/infothek

 


[1]  Siehe auch: Rudolfsplatz – Haus der Kinder

[2]  www.eichelberger.at

[3]  Petersen, Peter, Der kleine Jenaplan – 54/55. Aufl. Weinheim 1974, S.7

[4]  Parkhurst, Helen, a.a.O., S.23

[5]  Popp, Susanne, Der Daltonplan in Theorie und Praxis

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